ITP (Morbus Werlhof): Schutz vor folgenschweren Blutungen durch frühe Diagnose

Universitätsklinik Gießen
Priv.-Doz. Dr. med. Mathias Rummel
Leiter des Schwerpunkts Hämatologie
Med. Klinik IV
Klinikstr. 36
35392 Gießen
Tel.: 0641 / 99 42651
Fax: 0641 / 99 42659
E-mail: mathias.rummel@innere.med.uni-giessen.de
Schwerpunkte
• Hämatologische und Onkologische Neoplasien
• Moderne Therapiekonzepte (Durchführung und Beteiligung an klinischen Studien)
• Sämtliche moderne Methoden der Diagnostik und Behandlung insbesondere von
• Leukämien
• Non-Hodgkin Lymphomen (NHL)
• Morbus Hodgkin
• Myelodysplastisches Syndrom (MDS)
• Chronisch lymphatische Leukämie (CLL)
• Plasmozytom
• Haarzellenleukämie

PROTOKOLL
14.09.2009
ITP (Morbus Werlhof): Schutz vor folgenschweren Blutungen durch frühe Diagnose
PD DR. RUMMEL: Wir beginnen um 19 Uhr.
Orto : Gibt es eine genetische - erbliche Ursache oder Tendenz für Immunothrombozytopenie?
PD DR. RUMMEL: Es gibt keine erbliche Ursache für die Erkrankung Immunthrombozytopenie. Auch ein gehäuftes Vorkommen, sprich eine Tendenz, ist innerhalb von Familien nicht gehäuft beobachtet worden.
pepe : Was sagt uns das, wenn der Körper plötzlich weniger Thrombozyten bildet? Wofür ist das ein Zeichen?
PD DR. RUMMEL: Es ist ein Zeichen für eine Erkrankung des Knochenmarkes, wenn weniger Thrombozyten gebildet werden. Es gibt jedoch mehrere Erkrankungen, die zu einer geringeren Zahl von Thrombozyten führen. Eine davon ist die Erkrankung, um die es heute geht, um die Immunthrombozytopenie. Es gibt jedoch auch Erkrankungen, wie Leukämien und Lymphome, die auch zu erniedrigten Anzahl von Thrombozyten führen können.
vipal : Gibt es unterschiedliche Formen der ITP, die sich besser oder schlechter behandeln lassen, so wie beim NHL, wo die aggressive Form besser behandelt werden kann?
PD DR. RUMMEL: Man kennt aus der Erfahrung verschiedenen Verlaufsformen der ITP. Manche braucht man fast gar nicht zu behandeln, manche sind wiederum sehr gut behandelbar, wenn eine Therapie nötig wird und andere lassen sich durch Medikamente nur unzureichend beeinflussen. Also gibt es tatsächlich verschiedene Formen der ITP, die man jedoch nicht so gut unterscheiden kann wie bei den verschiedenen Formen der Non-Hodgkin-Lymphome. Man erkennt zumeist erst während der Verlaufsbeobachtung, ob die ITP sich gut oder schlechter behandeln lässt.
Kehrhahn : Wie wirkt sich eine Lungenentzündung auf meine bestehende ITP aus? Habe sorge, dass die bis jetzt steigenden Werte wieder runtergehen. War über 100Ts vor Lungenentzünd.
PD DR. RUMMEL: Eine Infektion kann sich bei einigen ungünstig auf die bestehende ITP auswirken, bei anderen jedoch gibt es sogar steigende Werte für die Thrombozyten wenn man an einer Infektion erkrankt ist. Man kann es also nicht voraussagen, wie sich eine Lungenentzündung auf eine bestehende ITP auswirkt.
Hensen, Frank : Ist es wahr, dass ITP-Patienten ein höheres Risiko haben, an Krebs zu erkranken?
PD DR. RUMMEL: Nein, dieser Zusammenhang ist mir nicht bekannt. Es ist also nicht wahr, dass ITP-Patienten ein höheres Risiko haben, an ITP zu erkranken.
Vitiligo : Hat man diese Symptomatik häufiger und wie lange kann man das aushalten?
PD DR. RUMMEL: Leider ist mir Ihre Frage nicht genau verständlich, ich wäre Ihnen für eine nähere Erläuterung dankbar.
Rebecca : Es gibt ja jetzt neuere Medikamente wie z.B. intravenöse Immunglobuline, Cytostatika oder auch Antikörper. Die werden aber nicht gleich zu Anfang gegeben, Wenn man das machen würde, könnte das den Krankheitsverlauf nachhaltig beeinflussen?
PD DR. RUMMEL: Die von Ihnen aufgeführten Medikamente würde ich nicht unbedingt als neuere Medikamente bei der ITP bezeichnen, sie sind bekannt. Wenn man diese Medikamente gleich zu Anfang geben würde, werden damit vielleicht einige Patienten zu intensiv behandelt, deswegen fängt man nicht gleich mit solchen Medikamenten bei der Behandlung der ITP an.
Erika : Therapie Zielkonflikt ITP vs. Myokarditis. Thema: Suche nach Therapie-Möglichkeit mit N-plate. Die Problematik meiner Erkrankung wurde Herrn PD Dr. Rummel bereits persönlich Mitte Aug. d.J. vorgetragen. Hintergrund: Die herkömmliche Methode der Behandlung der ITP, nämlich Anheben des Thrombo-Levels (akt. 15-20)mittels medikamentöser Schwächung der körpereigenen Immunabwehr versagt bei mir (u. wurde auch so vorausgesagt) infolge dann sofortiger massiver Schädigung der Herzfunktion (Virus Parvo-B19 im Herzmuskel). Aus dem gleichen Grunde verbietet sich auch die Entnahme der Milz. Das für meinen Fall empfohlene Medikament N-plate zielt nicht auf die Immunabwehr sondern stärkt die Thrombo-Produktion. Das klingt sehr überzeugend. Problem: Ich finde im hiesigen Raum (Umkreis 50 km)keinen Hämatologen, der nach Durchsicht meiner Krankheits-Unterlagen die ambulante Therapie mit N-plate durchführen will. Es gibt nur nicht weiter konkretisierte Ablehnungen. Das Medikament ist zugelassen. Frage: Was ist da los? Kann auch ein Internist die Behandlung durchführen (und überwachen)? Gibt es Alternativen? Vielen Dank für eine Stellungnahme.
PD DR. RUMMEL: Ich würde schon dazu raten, eine Therapie mit Nplate bei einem erfahrenen Hämatologen überwachen und steuern zu lassen. Bei einem Internisten ist die Durchführung einer Therapie mit Nplate mangels Erfahrung wahrscheinlich weniger gut aufgehoben. Warum Sie in Ihrem Umkreis keinen Hämatologen finden, der eine solche Therapie durchführen will, ist mir nicht verständlich.
Bruch : Ich habe seit 1965 ITP, hatte bis jetzt 5 Schübe (bis 4.ooo Thr.), versuchte mehrmals Kortison abzusetzen, die Thr. gingen aber zurück bis auf O Thrombos. Was raten Sie mir?
PD DR. RUMMEL: Ich kann mit einer solchen kurzen Information über Ihren Krankheitsverlauf Ihnen leider keinen Ratschlag geben. Wie immer, kommt es beim Kortison darauf an, welche Dosis Sie täglich nehmen müssen und ob diese Kortisontherapie bei einer solchen langen Einnahmedauer schon schwerwiegende Langzeitwirkungen verursacht hat. Wenn Sie mit einer nur geringen Kortisondosis Ihre Thrombozyten hoch halten können und das schon seit über 40 Jahren toleriert haben, spricht auch nichts gegen eine Weiterführung der Therapie mit Kortison.
Doris : Wie steht es mit dem Thema Schwangerschaft und ITP?
PD DR. RUMMEL: Grundsätzlich können Frauen mit einer ITP schwanger werden. Während der Schwangerschaft kann die ITP sogar besser werden. Manchmal aber wird während der Schwangerschaft eine Therapie die ITP notwendig. In einem solchen Falle kommen nur wenige Medikamente in Frage und es ist unbedingt eine gute Zusammenarbeit zwischen Frauenarzt und Hämatologen notwendig.
ETZ : Nach einem Thrombozytenwert von 1 wurde ich ins Klinikum mit 8 Infusionen Thrombozytenkonzentrat wieder auf einen Wert von 72 gebracht. Nach spritzen von Prednisolon stiegen meine Werte weiter an. Was wird passieren, wen das Prednisolon wieder abgesetzt wird.Durch was kann ich meinen Gesundheitszustand wieder verbessern und was hilft am schnellsten.
PD DR. RUMMEL: Man kann nicht voraussagen, was passiert, wenn Sie das Prednisolon wieder absetzen. Wenn Ihre Erkrankung erst seit kurzem besteht, kann es sogar sein, dass die Werte nicht wieder erneut fallen. Wenn die Erkrankung allerdings schon lange und chronisch besteht, dann ist in den meisten Fällen zu erwarten, dass die Thrombozytenwerte wieder fallen, wenn man das Prednisolon (Kortison) absetzt.
Sue : Viele ITP-Patienten klagen über häufige Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfdruck etc. Sind diese Beschwerden individuell zu sehen oder lassen sich diese Symptome durch immunologische Prozesse auch physiologisch erklären?
PD DR. RUMMEL: Beide Antwortmöglichkeiten von Ihnen sind möglich. Es gibt individuelle Unterschiede bezüglich des Auftretens von Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfdrucks etc. Diese Symptome lassen sich aber auch physiologisch erklären. Viele Patienten beklagen solche Symptome, wenn die ITP aktiv ist, also wenn die Werte der Thrombozyten niedrig sind. Die Medizinier erklären sich das mit physiologischen Reaktionen auf diese immunologischen Prozesse.
Pogorzelski : Sind Mundschleimhautblutungen Hinweis auf eine Verschlechterung oder normale Begleiterscheinung?
PD DR. RUMMEL: Mundschleimhautblutungen sind ein Hinweis auf niedrige Werte für Thrombozyten. Wenn Sie also neu auftreten, dann ist das ein Hinweis auf die Verschlechterung der Thrombozytenwerte. In jedem Fall sind sie eine häufig wahrgenommene Begleiterscheinung.
Schnierer : Was bedeutet ein erhöhter ANA Titer? Muss ich mir Sorgen machen? Ist schon das 2. Mal, dass dieser Wert gestiegen ist.
PD DR. RUMMEL: Ein erhöhter ANA Titer sollte Anlass dafür geben, weitere detailliertere Diagnostik zu machen. Möglicherweise liegt eine Erkrankung aus dem rheumatologischen Formenkreis vor, bei der dann auch niedrigere Werte für Thrombozyten auftreten können. Es gibt aber auch ANA Titer, die keine hohe klinische Relevanz haben und die auch bei Patienten mit ITP auftreten können. Insbesondere die Höhe des ANA Titers ist für eine Beurteilung der Krankheitsrelevanz wichtig.
Riemenschneider : Ist ISCADOR ein zeitgemäßes Medikament? Habe ich schon mal vor Jahren erhalten. Damals bei einer Brustkrebserkrankung.
PD DR. RUMMEL: ISCADOR ist eine Form der Misteltherapie. Welches man begleitend bei einer Brustkrebserkrankung einsetzen kann. Der Hintergrund Ihrer Frage, ob ISCADOR ein zeitgemäßes Medikament ist, ist mir nicht ganz ersichtlich. Ich persönlich (meine persönliche Meinung) bin von der Therapie mit Misteln nicht überzeugt.
cathleen : Ich möchte weg vom Cortison. Was sind die Alternativen?
PD DR. RUMMEL: Es gibt mehrere Alternativen zu Kortison. Es gibt andere immunsuppressive Therapien, wie Azathioprin, Sandimmun, Rituximab etc. Auch die Entfernung der Milz ist eine Alternative zu medikamentöser Therapie. Es gibt auch eine neue Entwicklung, das hier schon genannte Nplate, welches als Alternative zu Kortison in Frage kommen kann. Dieses Medikament hat keine immunsuppressive Wirkung, schlägt sich also nicht negativ auf das Immunsystem nieder.
G. Großraum München : Für mich kam die Diagnose ITP total überraschend, als Nebendiagnose. Wusste erst gar nicht was das ist, weil nie zuvor gehört. Ich hatte auch bisher überhaupt keine Anzeichen, obwohl ich schon unter 20.000 war bei Diagnose. Mein größter Wunsch ist ein Kind, aber mein Arzt rät mir ab und sagt mir ich solle warten und schauen, wie sich alles entwickelt. Ich bin jetzt 25 Jahre. Warten will ich nicht, weil ich befürchte, dass sich meine Ausgangslage eher verschlechtert. Oder bin ich egoistisch?
PD DR. RUMMEL: Nein, ich finde nicht, dass Sie egoistisch sind. Eine Schwangerschaft bei einer ITP und bei solch niedriegen Werten kann natürlich komplikationsträchtig sein. Man müsste wissen, ob Ihnen mit niedrigen Dosierungen von Kortison geholfen werden kann. Sie müssten Ihren Kinderwunsch mit einem Frauenarzt und einem Hämatologen besprechen. In der Tat ist Ihre Befürchtung nachvollziehbar, dass sich Ihre Ausgangslage vielleicht verschlechtert, wenn Sie weiter abwarten. Es kann Ihnen niemand voraussagen, ob sich der natürliche Verlauf Ihrer Erkrankung mit dem Abwarten eher verschlechtert oder verbessert.
Wercht Hameln : Wie ist das mit der Milzentfernung, wirklich sinnvoll? Warum?
PD DR. RUMMEL: Ja, die Milzentfernung ist eine sinnvolle Behandlungsmöglichkeit der Erkrankung ITP. Die Milz ist das Organ, welches die mit Antikörpern beladenen Thrombozyten abbaut. Insofern kann Patienten mit der Milzentfernung geholfen werden. Leider jedoch kann man den Therapieerfolg nicht voraussagen. Insgesamt profitieren ca. die Hälfte der Patienten dauerhaft von der Milzentfernung. Das bedeutet jedoch auch im Umkehrschluss, dass ungefähr die Hälfte der Patienten keinen Effekt haben. Deshalb ist die Diskussion um die Milzentfernung ein schwieriges und komplexes Thema. Für manche Patienten ist die Aussicht, die Erkrankung für immer ohne Medikamente im Griff zu haben, eine hohe Motivation zur Milzentfernung. Bei anderen Patienten steht die Befürchtung, dass die ganze Prozedur ihnen nichts bringt im Vordergrund. Natürlich ist auch die Milzentfernung an sich eine nicht ganz einfache Therapieform - es ist ja immerhin eine Operation.
Wieske, J. : Was bedeutet das wenn die Thrombozyten zwar reduziert aber eigentlich immer ganz ok waren, aber jetzt bei einer normalen Routinekontrolle plötzlich abgestürzt sind auf unter 1.500? Ist das ein Hinweis auf eine grundsätzliche Verschlechterung, schreitet die Chronifizierung voran, muss ich in Dauermedikation?
PD DR. RUMMEL: Ja, das bedeutet in der Tat eine grundsätzliche Verschlechterung der Erkrankung. Diese kann auch mal vorübergehend sein, in den meisten Fällen deutet sich aber eine Chronifizierung der Erkrankung damit an. Bei Werten unter 10.000 erscheint in den meisten Fällen einer medikamentöse Therapie nötig. Es kommt aber auch darauf an, ob Sie im normalen Leben eine verstärkte Blutungsneigung oder gehäufte Blutungszeichen haben.
Jupp HH : Gibt es bei ITP eine Geschlechterverteilung mehr hin zu einem Geschlecht?
PD DR. RUMMEL: Ja, es sind mehr Frauen als Männer betroffen. Das Verhältnis ist ungefähr 1,7 : 1.
Mutti : Wie risikoreich wäre denn eine Schwangerschaft bei ca. 1000-50000 Thrombos?
PD DR. RUMMEL: Eine Schwangerschaft bei ca. tausend ist risikoreich. Eine Schwangerschaft bei 50.000 wird wahrscheinlich mit wenig Risiko behaftet sein. Zusätzlich kommt es auf den Zeitpunkt der Schwangerschaft an. Eine Entbindung mit solch niedrigen Werten wie tausend, wäre dann auch mit einem Risiko verbunden.
Milz-Eva : welche Spätfolgen kann eine Milzentfernung haben
PD DR. RUMMEL: Nach einer Milzentfernung hat man lebenslang ein leicht erhöhtes Risiko, an Infektionen zu erkranken. Eine Spätfolge der Milzentfernung ist auch, dass Infektionen schwerer verlaufen können als sie das sonst tun würden. Man muss unbedingt vor einer Milzentfernung die empfohlenen Impfungen durchführen lassen.
Horner,. Berlin : Ich konnte immer nicht schwanger werden und wir wollten schon versuchen ein Kind zu adoptieren. Dann habe ich noch einen letzten Versuch in einer Endokrinologischen Sprechstunde gemacht und es wurde herausgefunden, dass ich eine Fehlfunktion der Schilddrüse habe. Als das behoben war wurde ich schwanger. Jetzt bin ich im 5. Monat und habe Folsäuremangel und ein verändertes Blutbild mit verringerten Thrombozyten zwischen 40-70.000. Inzwischen nehme ich zusätzlich Folsäure, aber bei den Thrombos wird nichts gemacht. Habe Angst dass Gefahr besteht für mein Kind?
PD DR. RUMMEL: Es wird bei Ihren Thrombozytenwerten deswegen nichts gemacht, weil Ihre Ärzte wahrscheinlich zu der Erkenntnis gekommen sind, dass Ihre Schwangerschaft mit diesen Werten ohne erhöhtes Risiko verlaufen wird. Würde man jetzt Medikamente geben, wirken sich natürlich solche Medikamente auch auf Ihr Kind aus. Deswegen neigt man in der Schwangerschaft dazu, möglichst wenig Medikamente zu geben.
MODERATOR: Der Experte macht eine kurze Pause. Wir setzen die Beantwortung Ihrer Fragen in wenigen Minuten fort.
Justus : Ich habe eine gesunde Tochter von 3 Jahren. Vor zwei Jahren hatte ich eine Totgeburt in der 35. Schwangerschaftswoche bedingt durch schwere Nierenprobleme. Jetzt bin ich wieder im 6 Monat und alles wird in sehr kurzen Abständen kontrolliert, viel mehr als beim letzten Mal. Bei der letzten Blutuntersuchung hieß es zunächst die Blutwerte seien leicht verändert und nicht gut genug. Eine erneute Blutuntersuchung zeigte eine reduzierte Anzahl Thrombozyten. Alles andere ist in Ordnung. Ich bin innerlich zum zerreissen gespannt. Ist bestimmt nicht gut für das Kind. Wenn die Thrombozyten weiter runtergehen, hat das überhaupt Auswirkungen aufs Kind? Was ist richtig, was falsch, was muss ich tun, was mein Arzt? Kind holen?
PD DR. RUMMEL: Mit diesen wenigen Informationen kann ich Ihnen natürlich keinen verantwortungsbewussten Ratschlag geben. Wenn jedoch die Thrombozyten nur etwas weniger sind als der Normalwert, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Die untere Grenze des Normalwertes ist 150.000, bei Werten um 100.000 oder 80.000 wird Ihrem Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts passieren.
anonym : Wie sind die Stadien der Thrombozytopenie? Verläuft die Krankheit schubweise oder gleichmässig chronisch?
PD DR. RUMMEL: Es gibt keine Stadieneinteilung der Immunthrombozytopenie. Zumeist verläuft die Erkrankung chronisch, es gibt aber Patienten, die Schübe ihrer Erkrankung erleben.
Susi : Gibt es eine Verbindung zwischen Helicobacter Pylori und ITP?
PD DR. RUMMEL: Ja, es gibt eine solche Verbindung. Wenn bei Ihnen Helicobacter Pylori nachgewiesen worden ist und Sie eine ITP haben, dann sollten Sie versuchen, den Helicobacter Pylori zu eradizieren (antibiotisch zu behandeln). Einige wenige Patienten profitieren auch hinsichtlich ihrer Thrombozytenwerte von einer erfolgreichen Behandlung der Helicobacter Pylori.
Peter : Welche Diagnostik ist notwendig? Ist eine Knochenmark-Punktion notwendig?
PD DR. RUMMEL: Bei jüngeren Menschen ist eine Knochenmarkpunktion nicht unbedingt notwendig, wenn alles für das Vorliegen einer ITP spricht. Die ITP ist also eine Ausschlussdiagnose. Es müssen alle anderen Ursachen für niedrige Thrombozytenwerte ausgeschlossen werden. Wenn das Blutbild bis auf die Thrombozytenwerte sonst völlig normal ist, braucht man also in der Regel keine Knochenmarkspunktion zu machen. Bei älteren Menschen wird eine Knochenmarkpunktion zur Sicherung der Diagnose ITP empfohlen, auch um andere Krankheiten, wie z. B. MDS, nicht zu übersehen.
Patrizia Müller : Können bei ITP bei niedrigen Thrombozytenwerten versteckte innere Blutungen auftreten (unbemerkt?)?
PD DR. RUMMEL: Das ist sehr unwahrscheinlich, dass so etwas auftritt, was Sie beschreiben. Zumeist merkt man sehr niedrige Thrombozytenwerte an blauen Flecken auf der Haut oder den so genannten Petechen oder Blutungszeichen im Mund oder während des Stuhlgangs. Nur sehr sehr selten gibt es spontane Blutungen in die inneren Organe.
anonym : Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer ITP Krebs entsteht? Welcher Zeitrahmen?
PD DR. RUMMEL: Aus einer ITP entsteht kein Krebs.
Wagner : Ich (65) bin an ITP erkrankt. Ich wurde in der Vergangenheit wiederholt mit Prednisolon behandelt, wor-auf die Zahl der Thrombozyten immer wieder anstieg. Weiterhin erfolgten zwei Behandlungszyklen mit Rituximab, was ebenfalls ein Ansteigen der Werte bis auf ca. 112.000 zur Folge hatte. In der Folgezeit ging aber die Zahl der Thrombozyten wieder zurück, z.Zt. beträgt die Zahl ca. 35.000. ? Demnächst steht eine Darmspiegelung an. Ist es zu empfehlen, die Zahl der Trombozyten durch Einnahme von Cortison wieder zu erhöhen, um Blutungsrisiken bei der Koloskopie auszuschlie-ßen? Seit ca. 6 Monaten nehme ich kein Cortison. ? Ich weiß, dass z.Zt. eine Studie mit Eltrombopag läuft. Ist Ihnen bekannt, wie weit dies gediehen ist und wann mit der Zulassung des Medikamentes gerechnet werden kann?
PD DR. RUMMEL: Wenn die Thrombozyten vielleicht noch etwas höher als ca. 35.000 wären, wäre das eine günstigere Voraussetzung für eine Darmspiegelung, insbesondere dann, wenn der Arzt noch eine Gewebeprobe aus dem Darm nehmen möchte. Wenn man bei Ihnen die Thrombozyten mit Kortison kurzfristig zum Ansteigen bringt, wäre das ja eine kurze und vorübergehende und wirksame Therapie vor der Darmspiegelung. Es laufen ältere Studien mit Eltrombopag und in diese Studien werden zur Zeit keine neuen Patienten aufgenommen. Die Studien mit Eltrombopag sind also alle so gut wie fertig. Mit der Zulassung dieses Medikaments kann - nach erfolgreichem Abschluss der Studien - Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres gerechnet werden. Ich bin nicht in der Lage, den genaueren Zeitpunkt vorauszusagen, wann dieses Medikament in Deutschland / Europa zugelassen sein wird. In Amerika ist es schon länger im Handel.
Gert Schreiber : Wie lange kann man mit ITP leben mit ordentlicher Lebensqualität?
PD DR. RUMMEL: In der Regel ist die Lebenserwartung bei Patienten mit ITP nicht wesentlich verringert. Bei der Lebensqualität müssen jedoch viele Patienten Einschränkungen hinnehmen, weil sie - zum Teil berechtigte und zum Teil unberechtigte - Ängste haben, die mit den niedrigen Werten der Thrombozyten einhergehen. Es kommt also darauf an, wie gut Sie über diese Erkrankung informiert und aufgeklärt sind, wie gut Sie mit der Erkrankung und dem Komplikationspotential im täglichen Leben umgehen können und wie viele spontante Blutungszeichen Sie haben. Ich kenne viele Patienten, die auch durch die vielen verschiedenen Medikamente eine erniedrigte Lebensqualität davon getragen haben. Es muss also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Information über die Erkrankung und das Risiko durch niedrige Thrombozytenwerte sowie der Wirkung von Medikamenten gefunden werden.
ANdresen : Bei mir ist Prostatakrebs Stadium3, 3 Lymphknoten befallen festgestellt worden. OP folgt, dann Bestrahlung oder Chemo. Wann bin ich gefährdet, löst Bestrahlung oder Chemotherapie eine ITP aus?
PD DR. RUMMEL: Weder eine Bestrahlung noch eine Chemotherapie löst eine ITP aus. Eine ITP hat mit Prostatakrebs und mit deren Behandlungsmethoden nichts zu tun.
rainer : Vor 4 Jahren erste ITP. Cortisonbehandlung. Dann 2 Jahre Ruhe. Wieder Cortison. Vor einem Jahr erstmalig Rituximab-Infusion. Hatte gehofft, damit Cortison ersetzen zu können. Ging erst mal nicht, wurde dann aber abgesetzt. Die Abstände sind aber kürzer geworden. Das beunruhigt mich. Kann eine Behandlung mit Rituximab evtl. die Abstände wieder verlängern?
PD DR. RUMMEL: Wenn Ihnen Rituximab beim ersten Mal geholfen hat, dann kann man diese Behandlung mit Rituximab gut wiederholen. Wenn Rituximab zu keiner Besserung geführt hat, dann macht es auch keinen Sinn, es erneut wieder zu geben.
Shiva : Ich weiß, dass Glaxo vor ein paar Jahren eine neue Substanz in Studien getestet hat. Leider bin ich damals nicht genommen worden. Warum weiß ich nicht. Was ist daraus geworden. Gibt es jetzt ein Medikament, das gerade bei chronischer ITP hilft?
PD DR. RUMMEL: Ja, Sie meinen das Eltrombopag, dass von Glaxo in Studien getestet wurde und wird. Das Medikament ist in Amerika für die Behandlung der chronischen ITP zugelassen und wird bald auch in Deutschland verfügbar sein.
Felix : Habe bisher Prednison bekommen, was immer mit Gewichtszunahme verbunden ist. Sehe dann aus wie ein Puttenengel. Meine Freundin findet das nicht komisch, akzeptiert das aber, weil das auch wieder weggeht. Besser wäre ich könnte auf Kortison verzichten. Welche Alternative bietet sich an?
PD DR. RUMMEL: Wichtig wäre, zu wissen, wie niedrig die Thrombozytenwerte fallen, wenn Sie kein Kortison mehr nehmen. Eine ständige Gewichtszunahme durch Prednison (Kortison) ist eine ernste und relevante Nebenwirkung. Es gibt Alternativen zu Kortison, u. a. die zuvor schon erwähnte Milzentfernung, sowie andere immunsuppressive Medikamente und auch bereits neu entwickelte Medikamente, wie das hier schon erwähnte Nplate und das Eltromopag. Das Medikament Nplate ist dabei schon jetzt in Deutschland verfügbar.
Nolte : Die Schwester meines Mannes leidet an Thrombozytopenie. Mein Mann und die Brüder sind gesund. Ich erwarte unser erstes Kind und jetzt wissen wir, dass es ein Mädchen wird. Ist unsere Tochter genetisch belastet?
PD DR. RUMMEL: Nein.
Störmer : Mein Sohn hatte eine schwere Virusgrippe im März. Bis dahin konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie schwer krank man bei Grippe sein kann. Danach hatte er häufig blaue Flecken, bis irgendwann der Kinderarzt gesagt hat, das ist nicht mehr im normalen Bereich. Da hatte ich erst große Angst, aber herausgekommen ist eine ITP mit der Begründung, dass es die Folge der Grippe sei????? Das war ja noch recht glimpflich, aber schon ziemlich schräg, dass eine Grippe zu so was führt. Frage: Jetzt sind die Werte ziemlich gut, kann das wiederkommen oder ist das jetzt erledigt?
PD DR. RUMMEL: Ich entnehme Ihrer Frage, dass Ihr Sohn noch ein Kind ist. Wenn dem so ist, können Sie berechtigter Weise darauf hoffen, dass es sich jetzt erledigt hat. Natürlich kann so ein Phänomen auch wieder auftreten, das kann Ihnen niemand voraussagen.
Seibel : Mein Blutbild ist insgesamt nicht schlecht. Aber ein Wert fällt heraus. Die Anzahl der Thrombozyten sinkt seit 3 Monaten. Ich habe keine Beschwerden, unser Familienarzt sagt, ich soll auf meine Milz Acht geben (dies sitzt im Oberbauch, wie ich jetzt weiß). Wie soll ich auf meine Milz aufpassen? Hören sich Ärzte manchmal selbst reden??
PD DR. RUMMEL: Ich weiß auch nicht, was Ihr Arzt meint, wenn er sagt, Sie sollen auf Ihre Milz Acht geben. Das kann man jedenfalls nicht tun. Man kann seine Milz nicht beeinflussen.
Dobinsky : Autoimmun klingt für mich immer nach Selbstzerstörung. Aber so ist das ja eigentlich nicht, trotzdem denke ich, dass so etwas auch über den Kopf gesteuert sein muss. Hat man mal festgestellt, ob Menschen mit Autoimmunerkrankungen häufiger Depressionen haben oder mehr Suizide ausüben. Ich mache mir viele Gedanken um meine Tochter. Rede ich mir da was ein, oder besteht ein Zusammenhang?
PD DR. RUMMEL: Eine Autoimmunerkrankung ist tatsächlich eine Erkrankung, in der das körpereigene Gewebe vom eigenen Körper angegriffen wird. Also eine ITP oder auch Rheumaerkrankungen sind so genannte Autoimmunerkrankungen. Dass eine Autoimmunerkrankung auftritt, hat nichts mit Kopfsteuerung zu tun. Das bedeutet, dass eine Autoimmunerkrankung nicht durch Depressionen hervorgerufen wird. Dass natürlich Menschen mit schwer verlaufenden Autoimmunerkrankungen Depressionen haben, ist nachvollziehbar. Denn die Depressionen stellen sich ein, weil manchmal die Erkrankung nicht in den Griff zu bekommen ist. Es ist für mich natürlich schwer, den genauen Hintergrund Ihrer Frage zu erahnen. Ich vermute aber, dass Sie sich da etwas einreden.
catch22 : Ich soll meine Milz hergeben, damit die Thrombozyten wieder mehr werden. Nach eingehender Recherche habe ich aber herausgefunden, dass das meist nur eine Besserung für eine bestimmte Zeit bringt. Ich kann mich nicht entschließen dafür ein wichtiges Organ herzugeben. Macht das überhaupt Sinn?
PD DR. RUMMEL: Ja, die Milzentfernung ist durchaus sinnvolle Therapieform der ITP. Je nach dem, ob man zu dem halben Glas Wasser sagt, das Glas ist halb voll oder halb leer, ergibt sich die Betrachtungsweise Ihrer Frage. Sie haben herausgefunden, dass das entweder nicht allen hilft oder meistens eine Besserung nur für eine bestimmte Zeit darstellt. Ein anderer Mensch studiert genau die gleiche Recherche wie Sie und bewertet diese Daten so, dass mit einer Milzentfernung vielen Menschen geholfen werden kann.
ITP : Wie grenzen sich die Bluterkrankheit und ITP voneinander ab. Welche Krankheit ist schlimmer, welche besser/schlechter behandelbar?
PD DR. RUMMEL: Das sind zwei völlig verschiedene Erkrankungen. Bei dem einen handelt es sich um einen Mangel an Blutzellen (ITP), bei der anderen Erkrankung handelt es sich um einen Mangel der Blutgerinnungsfaktoren. Beide Erkrankungen kann man grundsätzlich behandeln. Um darzustellen, welche Krankheit schlimmer ist, bzw. welche besser oder schlechter behandelbar ist, müsste man eine ganze Vorlesung halten.
Dosse : Mit welchen Langzeitwirkungen habe ich nach 43 Jahren Kortisoneinnahme (5-10 mg tgl.) für die Zukunft zu rechen? Ich bin 59 Jahre alt.
PD DR. RUMMEL: Sie sollten unbedingt Ihre Knochendichte messen lassen. Des Weiteren wird möglicherweise Ihre Haut mit der Zeit brüchig werden. Wenn Sie jedoch schon 43 Jahre regelmäßig Kortison einnehmen, dann haben Sie sich und Ihr Arzt gut kontrolliert und gut betreut. Auch ist unter Kortisoneinnahme immer darauf aufzupassen, dass sich nicht gehäuft Infektionen einstellen.
anonym : Was ist in der Forschungspipeline? Wann kommen neue Medikamente auf den Markt?
PD DR. RUMMEL: In der Forschungspipeline sind die so genannten Thrombopoetinanaloga. Von diesen ist das Romiplostim (Handelsname Nplate) bereits auf dem Markt. Das Eltrombopag wird ebenfalls bald auf dem Markt sein.
PD DR. RUMMEL: Ich fand es sehr interessant, dass so viele verschiedene Fragen zu dem Thema besprochen werden konnten. Dies entspricht auch meinem Eindruck von den Patienten, die ich täglich sehe. Ein solches Internetforum halte ich für sehr wichtig, weil hier auch Patienten, die keine Fragen stellen, vieles erfahren und lernen. Insbesondere erkennen die Patienten, dass auch viele andere ähnliche Sorgen und Ängste und Fragen zu ITP haben. Eine ITP kann man heutzutage in den meisten Fällen gut behandeln, dazu ist es aber wichtig, dass Sie sich mit der Erkrankung in die Hände von erfahrenen Hämatologen begeben. Ich hoffe, dass viele Patienten von diesen zwei Fragestunden profitiert haben und wünsche Ihnen alles Gute und den Betroffenen eine Besserung ihrer Erkrankung, verbunden mit den Perspektiven auf neue Therapieoptionen.
Ende der Sprechstunde.